* 14 *

Sobald die Sonne untergegangen war, senkte sich die Nacht auf den Wald.
Septimus und Nicko saßen bedrückt auf einem umgestürzten Baum. Septimus hielt seinen Kompass in der Hand und versuchte zu erkennen, in welche Richtung die tanzende Nadel zeigte. Es war fast dunkel, und sein Drachenring begann zu leuchten, aber das konnte nicht verhindern, dass seine Hand zitterte. Ein vertrautes Gefühl der Angst überkam ihn, wie immer, wenn im Wald die Dunkelheit hereinbrach.
»Das ist die Walddämmerung, Nicko«, flüsterte er. »Wir sollten uns eine Weile ganz still verhalten. Es ist nicht ratsam, jetzt weiterzugehen, nicht solange die Waldbewohner unterwegs sind.«
Weit entfernt in der Burg blickten Silas und Sarah vom Dach des Palastes in den Sonnenuntergang und begriffen endlich, dass Simon Jenna nicht nach Hause bringen würde. In tiefer Sorge machten sie sich auf den Weg in den Zaubererturm, um mit Marcia zu sprechen. Sie trafen sie auf der Zaubererallee, als sie gerade zu Professor Van Klampff wollte.
Tief im Herzen des Waldes saßen Septimus und Nicko schweigend nebeneinander. Septimus spürte, wie die Sonne hinter den Bergen versank. Die Luft kühlte ab, und der Wechsel von Tag und Nacht begann. Der Wald verwandelte sich in ein Nachtwesen, wenn es dunkel wurde, und mit banger Vorahnung erkannte Septimus das seltsam beklemmende Gefühl wieder, das sich stets mit der Waldnacht einstellte.
»Tut mir wirklich leid, Sep«, murmelte Nicko untröstlich.
»Pst!«, zischte Septimus. »Nur sprechen, wenn es unbedingt nötig ist.«
Nicko saß still da und versuchte, Ruhe zu bewahren. Selbst am Tag mochte er den Wald nicht besonders. Im Wald hatte er immer das unangenehme Gefühl, nicht schnell genug fliehen zu können und im endlosen Gewirr von Stämmen und Ästen in der Falle zu sitzen. Solange er sich noch bewegen und sehen konnte, wo er den Fuß hinsetzte, war es noch einigermaßen erträglich. Aber jetzt nicht mehr. Eine dicke schwarze Decke breitete sich über sie, und er fühlte Panik in sich aufsteigen. Am liebsten hätte er laut geschrien. In seinem ganzen Leben hatte er sich bisher nur ein einziges Mal so gefühlt, nämlich als er in der Müllschluckerrutsche feststeckte, aber damals war Marcia bei ihm gewesen und hatte ihn im Handumdrehen befreit. Diesmal war er auf sich allein gestellt.
»Was haben sie euch auf den Nachtübungen eigentlich so beigebracht?«, flüsterte Nicko. »Was musstet ihr tun?«
»Nun ja, äh, einmal, bei einer Tierkampfübung ohne Waffen mussten wir eine Wolverinengrube ausheben und dann die ganze Nacht warten, ob eine Wolverine hineinfiel. Es fiel keine hinein, jedenfalls nicht in unsere Grube. Aber in einer Grube ganz in der Nähe verloren wir drei Jungs. Sie kämpften tapfer, aber die Wolverine blieb Siegerin. Es war ein schrecklicher Lärm. Und manchmal, bei Orientierungsübungen mit dem Kompass, banden sie einen Jungen an einen Baum, und wir mussten ihn finden, bevor er gefressen wurde. Wir schafften es nicht immer rechtzeitig...«
»Aha«, sagte Nicko erschaudernd. »Ich hätte nicht fragen sollen. Ich dachte, sie hätten euch vielleicht ein paar Überlebensregeln beigebracht.«
»Haben sie auch«, erwiderte Septimus. »Geh allem aus dem Weg, was schneller laufen kann als du und mehr Zähne hat. Hüte dich vor fleischfressenden Bäumen, denn ob du es mit welchen zu tun hast, merkst du erst, wenn es zu spät ist. Ach ja, und die wichtigste von allen ...«
»Ja?«
»Halte dich nach Einbruch der Dunkelheit nie draußen im Wald auf!«
»Sehr witzig«, knurrte Nicko.
»Ich finde«, flüsterte Septimus, »wir sollten uns einen sicheren Platz zum Übernachten suchen. Am besten oben auf einem Baum ...«
»Auf einem fleischfressenden Baum, oder was?«
»Nicko, nicht so laut!«
»Entschuldige, Sep.«
»Wie gesagt, wir sollten auf einen Baum klettern, und es ist reine Glückssache, ob wir einen fleischfressenden erwischen oder nicht.«
»Wie? Du kannst sie gar nicht unterscheiden?«
»Nicht bei Nacht. Wir müssen es darauf ankommen lassen. So ist das nun mal im Nachtwald, Nicko. Aber wie gesagt, wenn es uns gelingt, auf einen Baum zu klettern, dürften wir vor den Wolverinen sicher sein. Natürlich müssen wir dann vor blutsaugenden Baumratten auf der Hut sein.«
»Na toll.«
»Und ältere Bäume sind manchmal von Laubegeln befallen. Ich habe mal mit dem Zugführer auf einem Baum übernachtet, und als ich am Morgen aufwachte, dachte ich, er hätte sich getarnt. Er war von Kopf bis Fuß mit Laubegeln bedeckt.« Septimus kicherte. »Geschah ihm ganz recht.«
»Hör auf!«, zischte Nicko. »Hör bloß auf. Ich will nichts mehr hören, klar? Suchen wir uns einen Baum, und dann hilft nur Daumendrücken.«
Septimus schulterte den schweren Rucksack und stapfte los. Diesmal ging er voraus und Nicko hinterher. Sein Drachenring leuchtete im Dunkeln so hell, dass er die Hand vorsichtshalber in die Tasche steckte. Er wusste, dass ein Lichtschein jede Kreatur im Umkreis von Kilometern anlocken würde, ganz besonders die Waldgespenster. Septimus strich lautlos zwischen den Bäumen umher, und Nicko folgte ihm so vorsichtig und leise wie möglich. Aber Nicko war nicht so geschickt wie sein Bruder, und sosehr er sich auch bemühte, immer wieder knackte ein Zweig oder Laub raschelte unter seinen Füßen. Septimus wusste, dass früher oder später ein Tier oder ein Gespenst sie hören würde. Sie mussten sich so schnell wie möglich in Sicherheit bringen. Verzweifelt suchte er jeden Baum, an dem er vorbeikam, nach tief hängenden Ästen ab, an denen sie sich hochhangeln konnten. Doch da waren keine. Sie befanden sich mitten im alten Teil des Waldes. Hier wuchsen nur Baumriesen, die ihre Äste hoch über dem Boden ausbreiteten.
Plötzlich spürte Septimus einen zangenähnlichen Griff am Arm.
»Autsch!«
»Pst!«
Septimus fuhr herum. Nicko hielt ihn immer noch am Arm fest und starrte mit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit.
»Sep, was ist das ... da drüben ... Ich habe etwas Gelbes leuchten sehen.«
Septimus suchte mit den Augen die Dunkelheit ab, indem er einen Armeetrick anwandte und seitwärts blickte, um überhaupt etwas zu erkennen. Genau das hatte er befürchtet: Sie waren von unzähligen gelben Augen umringt.
»Hol’s der Geier«, flüsterte er.
»Was sagst du? Geier?«, fragte Nicko. »Ein Glück. Und ich dachte schon, es wären Wolverinen.«
»Es sind ja auch Wolverinen. Jede Menge.«
»Aber du hast doch eben gesagt, es wären Geier.« Nicko klang gekränkt.
»Sei still, Nicko. Ich versuche nachzudenken. Kannst du den Schnellgefrier-Charm aus meinem Rucksack holen?« Septimus schluckte. »Schnell.«
»Beherrschst du den Schnellgefrierzauber denn noch nicht ohne Charm?«
»Nein. Beeil dich!«
Nicko versuchte, den Rucksack zu öffnen, aber seine Hände zitterten so heftig, dass er im Dunkeln nicht einmal die Schnalle fand. Septimus ärgerte sich über sich selbst. Er hätte den Charm vorsorglich aus dem Rucksack nehmen müssen, damit er ihn zur Hand hatte, wenn er ihn brauchte. Aber er verabscheute den Nachtwald genauso wie Nicko, und irgendwie funktionierte sein Verstand nicht mehr richtig.
»Ich krieg das blöde Ding nicht auf«, zischte Nicko mit aufkommender Panik in der Stimme. »Kannst du sie denn nicht erstarren lassen wie dieses Pferd?«
»Doch ... wenn du sie dazu bringst, sich ordentlich in einer Reihe aufzustellen, damit ich sie mir nacheinander vornehmen kann.«
»Schaffst du sie nicht alle auf einmal?«
»Nein.«
Septimus blickte in die Runde. Die lauernden gelben Augenpaare kamen näher und verteilten sich. Offensichtlich gingen die Wolverinen jetzt zu ihrer bewährten Taktik über, die darin bestand, die Beute einzukreisen. Wenn Nicko und er noch länger zögerten, waren sie bald umzingelt.
»Lauf los!«, zischelte Septimus. »Jetzt!«
Das ließ Nicko sich nicht zweimal sagen. Er heftete sich an die Fersen seines Bruders, der gleich nach dem Kommando losgeflitzt war. Er umkurvte dicke Bäume, setzte über herabgestürzte Äste und schlitterte über schlüpfriges Laub, sobald Septimus einen Haken schlug. Doch jedes Mal, wenn er sich umblickte, musste er feststellen, dass die gelben Augen immer noch dicht hinter ihnen waren. Das Wolverinenrudel gönnte sich das Vergnügen, die Beute zu hetzen und sich dabei Appetit fürs Abendessen zu holen.
Plötzlich blieb Septimus mit dem Fuß in einem Rattenloch hängen und stürzte zu Boden.
»Steh auf, Sep«, keuchte Nicko und riss ihn hoch.
»Au! Mein Knöchel...«, stöhnte Septimus.
Nicko zeigte kein Mitgefühl. »Los, weiter, Sep. Wir werden von einem Rudel Wolverinen verfolgt, falls du das vergessen hast.«
Septimus humpelte weiter, aber rennen konnte er nicht mehr, beim besten Willen nicht. Immer wieder knickte er um. Neben einem Baum blieb er stehen und setzte den Rucksack ab.
»Was tust du denn?«, stieß Nicko entsetzt hervor.
»Es hat keinen Sinn, Nicko«, erwiderte Septimus. »Ich kann nicht mehr rennen. Lauf weiter, los. Ich werde den Schnellgefrier-Charm schon finden, bevor sie über mich herfallen.«
»Red keinen Quatsch«, sagte Nicko. »Ich lasse dich nicht hier zurück.«
»Du musst. Wir sehen uns dann später.«
»Von wegen. Sie werden dich auffressen, du Blödmann.«
»Hau endlich ab, Nicko.«
»Nein!«
Noch während Nicko sprach, schloss die letzte Wolverine des Rudels den Kreis. Die Falle schnappte zu, sie waren umzingelt. Sie gingen rückwärts auf einen dicken, knorrigen Baum zu, während der gespenstische Ring aus gelben Augen sich langsam immer enger zog. Sie konnten nicht glauben, was sie sahen und dass es wirklich geschah. Wie jeder Bewohner der Burg hatten sie einen solchen Augenblick schon im Alptraum erlebt, doch die Wirklichkeit war viel merkwürdiger als jeder Traum. Es war beinahe schön, auf eine hypnotische Art. Eine erwartungsvolle Stille kehrte ein, als ob alle Geschöpfe der Nacht in ihrem Tun innehielten, um sich das Schauspiel anzusehen, das heute Nacht, und nur heute Nacht, in ihrem Teil des Waldes geboten wurde.
Nicko brach den Bann. Er stieß mit dem Fuß den Rucksack um. Die Schnalle sprang auf, und der Inhalt purzelte auf den Waldboden. Die beiden Brüder warfen sich auf die Erde und suchten in den Sachen fieberhaft nach dem Schnellgefrier-Charm.
»So viel Krimskrams!«, schimpfte Nicko. »Wie sieht er denn aus?«
»Nicht wie Krimskrams. Wie ein Eiszapfen aus Glas.«
»Aber wo ist er? Wo, wo, wo?«
»Igitt, ich kann sie riechen.«
Der Gestank von Wolverinenatem – eine Mischung aus verdorbenem Fleisch und faulem Zahn, denn Waldwolverinen litten unter chronisch schlechten Zähnen – erfüllte die Luft. Entsetzt schauten die beiden Jungen auf und blickten direkt in die Augen der Leitwolverine. Sie war es, die dem Rudel das Signal zum Angriff geben würde.
Ein leises Knurren drang aus der Brust der Leitwolverine. Das war der Beginn des Signals. Die gelben Augen ringsum leuchteten auf, Muskeln spannten sich, Geifer begann zu triefen. In diesem Augenblick waren alle Zahnschmerzen vergessen. Die Wolverinen fuhren sich mit den Zungen über die Schnauzen und fletschten die langen gelben und schwarzen Zähne.
Das Knurren wurde immer lauter und lauter, bis die Leitwolverine plötzlich den Kopf zurückwarf und ein markerschütterndes Heulen ausstieß.
Das Rudel schnappte zu.
Der Baum schnappte zu.
Der Baum erwischte sie zuerst.